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Headline:Biosphärereservat Entlebuch: Regionalwirtschaftliche Analyse
Stichwort:Nachhaltige Entwicklung
Rubrik:Tourismus
Datum:9.Januar.2001, 14:39
Text:Regionalwirtschaftliche Analyse des Amtes Entlebuch.


Hintergrund dieser Diplomarbeit bildet das "Projekt Biosphärenreservat Entlebuch" (BRE). Die Region Entlebuch im Kanton Luzern soll bis ins Jahr 2001 durch die UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt werden. Biosphärenreservate sind grossflächige, repräsentative Ausschnitte von Natur- und Kulturlandschaften, in denen nachhaltiges Wirtschaften im Zentrum steht. Auf der Grundlage der natürlichen und landschaftlichen Besonderheiten der Region soll im Biosphärenreservat Entlebuch eine dauerhafte wirtschaftliche Entwicklung angestrebt werden.

Ziel der Arbeit ist es, eine differenzierte Darstellung der Regionalwirtschaft für das Amt Entlebuch zu erstellen. Da es sich um eine Gesamtdarstellung der Entlebucher Wirtschaft handelt, wird auf eine allzu detaillierte Beschreibung verzichtet. Neben der Darstellung der gegenwärtigen Situation sollen auch die Zukunftsaussichten der Entlebucher Wirtschaft sowie der Einfluss eines zukünftigen Biosphärenreservates auf die regionale Wirtschaft untersucht werden.

Den Ausführungen zur Entlebucher Volkswirtschaft liegen sekundärstatistische Daten, Experteninterviews mit Fachvertreterinnen oder Fachvertretern aus verschiedenen Wirtschaftsbranchen und zusätzliche Literatur zugrunde. Die Untersuchungen beziehen sich vorwiegend auf den Zeitraum von 1975 bis 1998. Um die regionalen Besonderheiten der Entlebucher Wirtschaft hervorzuheben, wurden die Daten der Region Entlebuch mit der wirtschaftlichen Struktur und den Entwicklungstrends des Kantons Luzern sowie der gesamten Schweiz verglichen. Da im Biosphärenreservat eine nachhaltige Nutzung der regionalen Ressourcen angestrebt wird, sind in dieser Arbeit die Theorien der endogenen und nachhaltigen Regionalentwicklung von Bedeutung. Aufgrund der hohen Exportabhängigkeit einiger Entlebucher Wirtschaftsbranchen bildet auch die Exportbasis Theorie eine wichtige theoretische Grundlage.

Das Amt Entlebuch umfasst 41'000 ha. Es ist in neun Gemeinden unterteilt und zählt knapp 19'000 Einwohner, wovon lediglich 4.6% Ausländer sind. Was die Lage und die Verkehrserschliessung betrifft, kann das Entlebuch als Randregion bezeichnet werden. Die Region liegt grösstenteils im Voralpengebiet und Abseits der grossen Verkehrswege. Nicht zuletzt wegen der mangelhaften verkehrstechnischen Erschliessung konnte das Entlebuch seinen ursprünglichen Charakter im Bezug auf die Landschaft weitgehend erhalten.

Das Entlebuch ist eine der noch am stärksten vom primären Sektor geprägten Region der Schweiz. Land- und Forstwirtschaft besitzen nach wie vor eine grosse Bedeutung. 1995 waren fast 36% aller Beschäftigten im primären Sektor tätig. Im 2. Sektor (Industrie und Gewerbe) arbeiteten rund 26%. Der Dienstleistungssektor war im Entlebuch mit 38% nur wenig ausgebildet.

Aufgrund der Abgelegenheit des Entlebuchs wirken sich konjunkturelle Schwankungen auf den Arbeitsmarkt nicht so stark aus. Einerseits stieg im Entlebuch die Arbeitslosenquote nie so hoch wie in anderen Teilen der Schweiz, andererseits sind auch wirtschaftliche Hochkonjunkturen nicht so spürbar.

Fehlende Ausbildungs- und Arbeitsplätze führten vor allem in den 70er Jahren zu Abwanderungen vorwiegend junger Leute aus der Region. Diese Abwanderungen hatten eine zunehmende Überalterung der Bevölkerung zur Folge. Dieser Prozess wurde in den 90er Jahren gebremst, bleibt aber auch in Zukunft eine Gefahr für die Region. Das Amt Entlebuch weist eine tiefe Pendlermobilität aus. Vor allem wegen des grossen Anteils an Erwerbstätigen in der Landwirtschaft arbeiten viele Leute (66.1%) in der gleichen Gemeinde, wie sie wohnen.

Obwohl die Landwirtschaft in der Region eine grosse Bedeutung einnimmt, können die landwirtschaftlichen Strukturen (Betriebsgrösse, Topographie und Klima) im Entlebuch als unbefriedigend bezeichnet werden. Der landwirtschaftliche Strukturwandel, in welchem sich die Schweiz befindet, ist auch im Entlebuch spürbar. Abnehmende Betriebs- sowie Beschäftigungszahlen sind die Folgen davon. 1996 gab es im Entlebuch noch 1‘289 Landwirtschaftsbetriebe mit 3'265 Beschäftigten. Gerade im Zusammenhang mit der neuen Agrarpolitik 2002 und dem damit verbundenen Preiszerfall für landwirtschaftliche Produkte birgt die einseitige Ausrichtung der Entlebucher Bauern auf Milchproduktion eine grosse Gefahr. Aufgrund der vermehrten Nachfrage nach Bioprodukten wäre daher eine Umstellung auf biologischen Landbau eine sinnvolle Alternative. In Synergien, sei es zwischen einzelnen Betrieben oder mit anderen Wirtschaftsbereichen wie zum Beispiel dem Tourismus, liegen noch unausgeschöpfte Potentiale. Beispiele dafür sind Betriebsgemeinschaften, der Agrotourismus oder die Direktvermarktung landwirtschaftlicher Produkte. Die Realisierung des "Projektes Biosphärenreservat Entlebuch" würde der Landwirtschaft in diesen Bereichen neue Perspektiven eröffnen, erfordert aber die aktive Mitarbeit der landwirtschaftlichen Bevölkerung.

Das Entlebuch ist mit einem Waldanteil von rund 33% eine sehr waldreiche Region. Holz ist eine der wenigen Ressourcen der Region und besitzt deshalb eine grosse Bedeutung. Die Holzbearbeitung und –verarbeitung nimmt im Entlebuch eine sehr wichtige Stellung ein und bietet zahlreiche Arbeitsplätze. Der Wald ist zu einem grossen Teil im Privatbesitz (86%) der landwirtschaftlichen Bevölkerung. Land- und Forstwirtschaft sind deswegen eng miteinander verbunden. Fehlende Zusammenarbeit der einzelnen Waldbesitzer, schwierige topographische Verhältnisse und veraltete Strukturen führten dazu, dass im Entlebucher Wald grosse ungenutzte Potentiale liegen. Diese können durch gemeinsame Nutzung und Vermarktung des Holzes und verstärkte Innovation besser ausgeschöpft werden. Gerade die Schaffung eines Biosphärenreservates Entlebuch kann dabei hilfreich sein und Neuerungen, wie beispielsweise die Einführung eines Labels für Holz aus dem Entlebuch, fördern. Auch durch die Förderung neuer Verwendungszwecke des Holzes, wie zum Beispiel die Energieholznutzung, kann die Nutzung der Ressource Holz verbessert werden.

Der sekundäre Sektor beschäftigt im Entlebuch fast 2‘500 Personen. Wichtigste Entlebucher Industrie- und Gewerbezweige sind die Metallindustrie, der Maschinenbau und die Elektrotechnik sowie die Verarbeitung und Bearbeitung von Holz und weitere der Holzwirtschaft nachgelagerten Branchen. Zusätzlich spielt das Baugewerbe traditionell eine bedeutsame Rolle. Die Region verfügt über sehr innovative und erfolgreiche Industriebetriebe, was sich in jüngster Zeit auch in der Schaffung von zusätzlichen Arbeitsplätzen niederschlug. Für die Zukunft kann das Ziel jedoch nicht die Ansiedlung neuer Betriebe sein, sondern vielmehr muss die Erhaltung bestehender Betriebe und die Schaffung guter Rahmenbedingungen Vorrang haben. Dem Ausbau der Verkehrswege kommt eine äusserst grosse Bedeutung zu. Mit Ausnahme der Holzwirtschaft hätte die Schaffung eines Biosphärenreservat nur geringe Auswirkungen auf Industrie und Gewerbe.

Die grosse Vielfalt an Natur- und Kulturlandschaften (Moorlandschaften, Flach- und Hochmooren, Auen und Landschaften von nationaler Bedeutung) bilden die natürliche Grundlage des Entlebucher Tourismus. Der Tourismus ist im Entlebuch vor allem in den beiden Gemeinden Flühli-Sörenberg und Marbach von Bedeutung und ist insbesondere auf Wintersport ausgerichtet. Diese beiden Orte werden vorwiegend von Tagestouristen besucht. Der ökonomisch wie auch ökologisch sinnvollere Aufenthaltstourismus soll in Zukunft vermehrt gefördert werden. Familien bilden das Hauptkundensegment. Der Grossteil der Übernachtungen (rund zwei Drittel) wird im Winter registriert. Im Bereich des Sommertourismus dagegen steckt noch Steigerungspotential. Gegenüber der Hotellerie besitzt die Parahotellerie eine wichtigere Stellung. Vor allem im Sommer liegt die Auslastung der Hotelbetriebe tief. Um eine bessere Auslastung der Hotelkapazitäten zu erreichen, sollen neue Zielgruppen wie Senioren oder Gruppen angesprochen werden. Der Tourismus bietet vielen landwirtschaftlichen Arbeitskräften eine wichtige Nebenerwerbsmöglichkeit. Eine Chance für den Entlebucher Tourismus bilden Synergien mit anderen Wirtschaftsbereichen. Vor allem auf dem Gebiet der Zusammenarbeit von Tourismus und Landwirtschaft liegen noch nicht vollständig ausgeschöpfte Potentiale. Ein Biosphärenreservat Entlebuch bringt dem Tourismus die Möglichkeit, sich von anderen, ähnlichen Tourismusdestinationen abzuheben und so einen Marktvorteil zu erlangen. Im Zusammenhang mit dem Biosphärenreservat Entlebuch ist die nachhaltige touristische Nutzung der Region gewährleistet. Mit Hilfe von neuen mit dem BRE in Verbindung stehenden touristischen Angeboten soll auch ein Attraktivitätsgewinn des Sommertourismus erreicht werden. Dazu gehört unter anderem eine Vielzahl von Exkursionen im Bereich Natur-Mensch-Umwelt, deren Anzahl sich in jüngster Vergangenheit verdreifacht hat.

Der Dienstleistungssektor besitzt im Entlebuch nur eine geringe Bedeutung und beschäftigt insgesamt 3'529 Personen. Aufgrund der geringen Bevölkerungszahl, der peripheren Lage der Region und der schlechten Infrastruktur konnte sich der tertiäre Sektor nur mässig entwickeln. Die Verbesserung der Rahmenbedingungen (Verkehrserschliessung) sowie die Schaffung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen gehören zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben in diesem Wirtschaftsbereich. Für die Zukunft bilden im Dienstleistungsbereich die neuen Kommunikationstechnologien, durch welche Standortnachteile an Bedeutung verlieren, eine grosse Chance. Diese ermöglichen, Dienstleistungen standortunabhängig anzubieten und werten so das Entlebuch mit seiner hohen Lebensqualität als Wirtschaftsstandort für Unternehmen aus dem tertiären Sektor auf. Der direkte Einfluss eines zukünftigen Biosphärenreservates auf den 3. Sektor wird sich auf die beiden Bereiche Tourismus und Gastgewerbe beschränken. Der restliche tertiäre Sektor könnte jedoch indirekt von einem Imagegewinn der Region oder als Zulieferer für die Tourismusbranche profitieren
Quelle:Diplomarbeit Raphael Keller, Geographisches Institut der Universität Zürich, 2000
Link:www.biosphaere.ch

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