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Name:Torgler, Ernst (1893 - 1963)
Biografie:Geboren am 25. April 1893 in Berlin, Sohn eines städtischen Arbeiters, nach der kaufmännischen Fachschule in Berlin kaufmännischer Angestellter. Die Not der Familie verhinderte die Erfüllung seines Wunsches, Lehrer zu werden. 1907 Mitglied der Sozialistischen Jugend, 1910 der SPD und Gewerkschaft. 1914 Soldat, bis 1916 Infanterist, dann Fliegerfunker an der Front. Der Bildungshungrige verbrachte jede freie Minute mit Lesen, besuchte im Urlaub in Berlin Bildungskurse von Julian Borchardt und Vorträge von Ernst Däumig. 1917 Übertritt zur USPD, wurde er beim Ausbruch der Revolution in Neuruppin Vorsitzender des A.- und S.-Rates. Nach Berlin zurückgekehrt, war Torgler wieder Angestellter. Aktiv in der USPD, ging er mit dem linken Flügel Ende 1920 zur KPD, Delegierter auf dem Vereinigungsparteitag. 1920 in Berlin Bezirksverordneter und ehrenamtlicher Stadtrat, Mitglied der BL Berlin Brandenburg. Seit 1922 hauptamtlicher Sekretär der KPD, 1923 Sekretär der BL, vorübergehend Schulungsleiter. Im Dezember 1924 als Abgeordneter in den Reichstag gewählt, gehörte er dem Parlament ununterbrochen bis 1933 an, ab 1929 als Fraktionsvorsitzender. Torgler wirkte wie ein pedantischer, ernster Mensch, schien der typische deutsche Angestellte. Es charakterisierte Torgler, daß sich der Deutschnationale Vizepräsident des Reichstages, Gräf, in der Sitzung vom 27. Januar 1928 mit der Bemerkung an ihn wandte: „Herr Abgeordneter Torgler, Sie sind doch ein besonnener Mann. Ich bitte Sie, doch Ihre Kollegen im Zaum zu halten“. Obwohl er innerhalb der Parteiorganisation keine überragende Rolle spielte und niemals Mitglied des ZK war, zählte er als Fraktionsführer zu einem der prominenten Kommunisten in Deutschland. Ursprünglich sympathisierte er mit der linken Opposition, blieb aber als „Parlaments Fachmann“ immer auf der Linie des ZK. Bis 1933 als KPD¬-Parlamentarier bekannt, rückte er nach dem Reichstagsbrand ins Licht der Öffentlichkeit. Als ihn die Nazis verdächtigten, an der Brandstiftung beteiligt gewesen zu sein, stellte er sich (nach einem Gespräch mit Wilhelm Koenen und Arthur Vogt) freiwillig der Polizei, um seine Unschuld zu beweisen. Torgler wurde einer der Hauptangeklagten im Reichstagsbrand-¬Prozeß. Im Gefängnis monatelang an Händen und Füßen gefesselt, verteidigte er vor Gericht sich, aber auch seine politischen Anschauungen, was der „Völkische Beobachter“ der NSDAP als „unklug“ bezeichnete, da er „besser seine Person verteidigt“ hätte. Der Ankläger beantragte für Torgler die Todesstrafe. Das Leipziger Reichsgericht mußte ihn, trotz entgegengesetzter Versuche der NSDAP, mangels Beweisen am 23. Dezember 1933 freisprechen. Dennoch blieb er in „Schutzhaft“ und saß bis November 1936 im KZ. Einige SA Führer versuchten, ihn für die NSDAP zu gewinnen. Die KPD hatte ihn 1935 aus der Partei ausgeschlossen und ihm vor¬geworfen: 1. „sich gegen den Willen der Partei freiwillig dem Faschismus ausgeliefert“ zu haben, weil er sich 1933 stellte; 2. vor Gericht nicht die Parteianweisungen durchgeführt und 3. den Nationalsozialisten Sack als Verteidiger gewählt zu haben. Auch habe er in dem Prozeß seine Person und nicht die KPD verteidigt. Torgler arbeitete dann als Vertreter der Firma „Electrolux“. Er soll 1939/40 vermutlich in dem von Goebbels bezahlten deutschen Geheimsender „Humanité“ gegen Frankreich beschäftigt gewesen sein. Bis 1945 Grundstückrevisor der Haupttreuhandstelle Ost in Bückeburg, nach Kriegsende dort beim Bürgermeister als Sachbearbeiter für die Sozialbetreuung angestellt. Er bemühte sich zunächst um Wiederaufnahme in die KPD und wandte sich deshalb im Februar 1946 auch an Arthur Vogt: „Ich habe im November, insbesondere auch auf Drängen der Bückeburger Genossen einen ausführlichen Brief, eine Art Rechtfertigungsschreiben über Karl Abel und die BL Hannover an Wilhelm Pieck gesandt mit der Bitte um Stellungnahme zu der Frage einer evtl. Rücknahme meines 1935 erfolgten Ausschlusses oder einer Art Amnestie. Die Genossen hier wollen mich gern wieder aufnehmen, […]. Könntest Du, lieber Arthur, nicht einmal mit Pieck sprechen, ihn fragen, ob er mein Schreiben bekommen hatte und wie er und die Parteileitung sich dazu stellen. Es ist bestimmt kein persönlicher Ehrgeiz oder irgendein Geltungsbedürfnis, die mich zu diesem Brief veranlaßt haben. Aber schließlich könnte ich so manches leisten und vielleicht auch manches gutmachen, was ich damals vielleicht falsch gemacht habe. Du weißt ja selbst am besten, lieber Arthur, in welcher verzwickten und belämmerten Lage wir drei, Willy [Koenen], Du und ich uns befunden haben. Du bist am ehesten in der Lage, mit Pieck über mich und mein Begehren zu sprechen.“ Torgler trat dann 1949 der SPD bei und wurde Angestellter der Gewerkschaft ÖTV in Hannover. Seit Jahren durch einen Schlaganfall teilweise gelähmt und schwerkrank, starb Ernst Torgler am 19. Januar 1963 in Hannover Sein Sohn Kurt Torgler (* 1913 - † 1943) hatte 1933 im Gegenprozeß zum Reichstagsbrand in London für den Vater ausgesagt, gelangte dann 1935 in die UdSSR. Dort wurde er im August 1937 vom NKWD verhaftet und zu zehn Jahren Lager verurteilt. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1940 an Deutschland ausgeliefert, kam Kurt Torgler als Dolmetscher zur Wehrmacht und ist in der Sowjetunion gefallen. Norbert Podewin und Lutz Heuer veröffentlichten 2006 eine Biographie über Ernst Torgler.

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